KARATEbyJesse: Die Karate-Challenge für einen laserscharfen Fokus

secret-2725302 640Ein heißer Augustabend im Jahr 1952. David Tudor betrat die Bühne der Maverick Konzerthalle in New York. In der Hand eine Stoppuhr. Er setzte sich ans Klavier und schloss den Deckel. Dann saß er für vier Minuten und 33 Sekunden in völliger Stille da. Ohne das Klavier auch nur zu berühren.

Das war die Weltpremiere des Stückes 4‘33‘‘ des Komponisten John Cage, bei dem der Pianist vier Minuten und 33 Sekunden lang keinen Ton erzeugen soll. Das Publikum war schockiert! Es versteht sich von selbst, dass die Titelseiten voll waren von dieser „Nicht-Darbietung“.

Stille existiert nicht.

Später sagte der Komponist in einem Interview: „Das Publikum hat das Wesentliche nicht begriffen. So etwas wie Stille gibt es nicht. Was sie für Stille hielten, war voller zufälliger Geräuschen. Man konnte den Wind draußen pfeifen hören, es tropfte Regen aufs Dach und die Leute selbst machten jede Menge interessante Geräusche, während sie sprachen oder den Raum verließen.“

Stille macht uns unwohl.

Faszinierend. In der Stille fühlen die Leute sich unwohl. Warum? Weil wir auf uns selbst lauschen müssen, wenn die Umgebung nicht mit Tönen angefüllt ist. Und viele Menschen fühlen sich nicht wohl mit sich selbst. Tatsächlich ist der innere Dialog bei manchen vergiftet. Gibt es ein besseres Gegengift als Karate?

Challenge: Shut up & Train!


Aufgepasst! Heute möchte ich dich herausfordern. Diese Challenge wird dein Karate laserscharf fokussieren. (Es sei denn, du mogelst.) Hier kommt sie: Für ein gesamtes Karate-Training darfst du nichts sagen. Kein einziges Wort. Ich möchte, dass dein Körper, dein Geist und deine Technik für dich sprechen. Nicht deine Stimmbänder. Deine „Futterluke“ darfst du nur für den Kiai öffnen. Das war‘s. Ich weiß schon, was du jetzt denkst: „Jesse-San, das klingt zu einfach! Das klingt sogar bescheuert! Was soll der Sinn davon sein, eine ganze Karate-Einheit lang still zu sein?“ OK. Ich will dir was erklären. Meiner Meinung nach, gibt es drei Hauptgründe, warum Leute im Karate-Unterricht reden:

1. Reden als Ausflucht vor hartem Training.

Erstens nutzen viele das Reden als eine Flucht vor hartem Training. Wenn sie etwas Schwieriges oder Unangenehmes machen sollen, nutzen sie Worte als Entschuldigung für eine Pause.
Sie fragen nach „Details“ oder nach „Tipps“, damit sie verschnaufen können.  Warum? Weil sie sich davor fürchten, am Rande ihrer Komfortzone zu tanzen.

2. Reden statt Tun.

Zweitens reden viele Leute, weil sie kein Vertrauen in ihre Fähigkeiten haben.  Sie versuchen nie etwas Neues, ohne vorher genau zu wissen, was / wie / wann / wo und warum sie es tun sollen. Sie sind paralysiert vor lauter analysieren. Statt „learning by doing“ reden sie lieber, versuchen es mal, reden wieder, versuchen es noch etwas, dann reden sie und dann...schließlich, hoffentlich, vielleicht, eventuell... tun sie es.

3. Reden gegen die Einsamkeit.

Drittens – und das ist traurig – haben die Leute zu wenig zwischenmenschliche Kontakte. Ihre Tage sind einsam, also kommen sie ins Dojo wegen ihres Soziallebens. Sie verzehren sich nach Gesprächen so wie ich mich nach Karottenkuchen. Das ist OK. Aber nach  dem Training oder vor dem Training.

Magische Momente

Also... Auch wenn die Gründe ganz natürlich sind, möchte ich dich heute herausfordern. Kannst du für eine ganze Karate-Einheit lang still sein? Das sind zwischen 60 und 120 Minuten, je nachdem, was in deinem Dojo üblich ist. Glaub mir – es ist Wahnsinn, wie sich dein Fokus verschieben wird. Das ist wie eine Überdosis Entschlossenheit! Als ich die Challenge mit meinen eigenen Schülern ausprobiert habe, besonders mit Kindern, hatte ich magische Momente. Es macht die Leute glücklich!

Die Musik des Karate

Schon merkwürdig. Plötzlich gibt es ganz „neue“ Geräusche... Das Knallen von Schlägen, Blocks und Fußtechniken. Das Rascheln von Schritten, Drehungen und Gleiten. Die unverwechselbare Atmosphäre von Konzentration, Ambition und Anstrengung. Wenn man darüber nachdenkt, ist das keine Stille. Es ist die Musik des Karate. Ich möchte dich dazu ermutigen, das einmal auszuprobieren und zu erleben, wie schnell sich dein Fokus verbessert.

Fokus vs. Multitasking

In der heutigen Multitasking-verrückten Umgebung, ist es erst recht wichtig und notwenidg, scharf wie ein Laser zu fokussieren. Sind wir der gleichen Meinung? Na dann nimm die
Challenge an: Halt den Mund und trainier!

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Über den Autor:karatebyjesse logo

KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


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