KARATEbyJesse: Kämpfen ohne Angst

woman-159754 640Du hast Angst vor dem Freikampf? – Damit bist du nicht allein!

Ich werde oft gefragt: „Jesse-San, wie kann ich meine Angst vor dem Freikampf überwinden?“ Heute möchte ich dir meine Annäherung an den Freikampf vorstellen.
Zuerst musst du dir aber das Folgende klar machen: Angst ist ein Lügner.
Wenn du denkst, dass du erst deine Angst überwinden musst, bevor du kämpfen kannst, liegst du falsch. Der einzige Weg, deine Angst zu überwinden, ist zu kämpfen!
Wenn du deiner Angst ins Gesicht schaust, wieder und wieder,  dann machst du sie dir zum Freund. Du siehst hinter ihre furchteinflößende Maske.
Selbst die größten Kämpfer kämpfen nicht ohne Angst – sie kämpfen TROTZ der Angst!


Die Angst verschwindet nie ganz. Sie verliert nur ihre Macht über dich. Aber... Um diese Ebene der „Angst-Freundlichkeit“ zu erreichen, benötigst du eine praktische Herangehensweise, um dich mit deiner Angst vertraut zu machen. Du würdest ja auch kein Kind ins tiefe kalte Wasser werfen, ohne dass es vorher an Land Trockenübungen gemacht und später im seichten Wasser mit Auftriebhilfen geübt hat, oder? Leider werfen Karate-Lehrer ihre Schüler aber immer wieder ins kalte Wasser, wenn es um den Freikampf geht, anstatt sie Schritt für Schritt heranzuführen. Das bricht mir das Herz. Dein erster Freikampf-Eindruck sollte NIE Chaos und Panik sein. Es sollte eine sichere Lernerfahrung sein, die dir Spaß macht.

Und das geht so: Drei Baby-Schritte zum Kumite
Das ist mein Schritt-für-Schritt-Plan, jemanden ans „Jiyu Kumite“ (Freikampf) heranzuführen. Die Idee dahinter ist, den unvorhersehbaren und beängstigenden Charakter, der dem Kämpfen innewohnt, zu entschärfen. Und zwar, indem drei Regeln eingeführt werden.

#1: Beschränke Die Anzahl der Techniken und/oder Ziele.
Die erste Möglichkeit besteht darin, die Anzahl der erlaubten Techniken und/oder Zielregionen einzuschränken. In dem man solche Unsicherheitsfaktoren reduziert, können wir unsere Gefühle dem Kumite gegenüber besser kontrollieren. Zum Beispiel könnten nur gerade Fauststöße (Techniken) zum Bauch (Ziel) erlaubt sein. Oder nur kreisförmige Fußtechniken (Techniken) zum Körper (Ziel) und gerade Fauststöße zum Gesicht (Ziel). Die Anzahl der Techniken und Ziele kann dann schrittweise erhöht werden.

#2: Verwende zusätzliche Schützer.
...Schaumstoffhelm, Boxhandschuhe, Knie- und Ellbogenschützer usw.  Je mehr Schützer, desto mehr Sicherheit und desto weniger Angst. So kannst du Treffer von deinem Gegner einstecken, was nötig ist, um die instinktive Flucht-Kampf-oder-Erstarren-Reaktion deines Gehirns umzupolen. Das kann aber natürlich auch nach hinten losgehen. Manche Leute schlagen automatisch härter zu, sobald sie Schützer tragen. (Deshalb ist die nächste Regel wichtig.) Schritt für Schritt kann die Schutzausrüstung dann abgebaut werden.

#3: Reduziere das Tempo.
Zu guter Letzt: Alle Bewegungen müssen in Zeitlupe ausgeführt werden. Wie heißt es so schön: „Speed kills.“ („Geschwindigkeit tötet.“) Wenn du in Zeitlupe kämpfst, entwickelst du die Fähigkeit, Angriffe zu sehen, bevor sie dich erreichen. Dies verändert dein Denkmuster von Reaktion zu Aktion, weil du das Überraschungsmoment entfernst. Du kannst das Tempo schrittweise erhöhen, sobald du dich wohler fühlst.

fear kbj postDas war‘s schon! Wenn du diese drei Baby-Schritte befolgst, wirst du dich an den Freikampf („Jiyu Kumite“) gewöhnen, dich dabei sicher fühlen und daran Spaß haben. Das letzte Puzzlestück besteht darin, deine Denkweise anzupassen: Das einzige, was du fürchten musst, ist die Angst selbst! Viel Erfolg!

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Über den Autor:karatebyjesse logo

KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


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