KARATEbyJesse: Vier kraftvolle Geisteshaltungen des traditionellen Karate

KARATEbyJesse: 4 kraftvolle Geistenhaltungen des traditionellen KarateAlles beginnt im Kopf. Mit einer sehr schlechten Geisteshaltung kommst du morgens nicht einmal aus dem Bett. Beim Karate ist das nicht anders. Die Kunst des Karate kennt verschiedene Geisteshaltungen. Heute möchte ich dir vier davon vorstellen: Shoshin, Mushin, Fudoshin und Zanshin. Aufgepasst!

#1: Shoshin – Geist des Anfängers
Wenn ich ein neues Dojo besuche, ziehe ich einen weißen Gürtel an. Warum? Weil ich damit Shoshin zeige.
„Shoshin“ ist Japanisch für „Geist des Anfängers“.
Also eine aufgeschlossene und lernbereite Einstellung, ohne vorgefasste Meinungen, Urteile und Voreingenommenheit.
Shoshin ist wesentlich fürs Karate, weil dein Geist wie ein Fallschirm ist – er funktioniert nicht, wenn er geschlossen ist.
Die Herausforderung besteht darin, sich Shoshin zu bewahren, wenn man mit seinen Graduierungen weiter fortschreitet.


Manche Leute halten sich für „allwissend“, sobald sie den Schwarzgurt erreicht haben.
Was sie wahrscheinlich nicht wissen, ist, dass der erste schwarze Gürtel auf Japanisch „Shodan“ heißt, wörtlich „erster Grad“.
Der schwarze Gürtel ist nicht das Ende. Sondern der Anfang. Bewahre dir diese Geistenhaltung.

„Der Geist des Anfängers hat viele Möglichkeiten, der des Experten nur wenige.“
– Shunryu Suzuki (1904-1971)

#2: Mushin – Nicht-Geist
Als nächstes beschäftigen wir uns mit Mushin.
„Mushin“ bedeutet auf Japanisch „Nicht-Geist“.
Das klingt ein bißchen paradox, oder? Wie kann man einen Geist des Nicht-Geistes haben?
Nun, sogar das Nichts ist ein Etwas.
Mushin bezieht sich auf den leeren Geist, den du vielleicht schon mal erfahren hast, wenn du dich voll und ganz auf eine Aktivität fokussiert hast.
Im Wesentlichen bist du dann ganz in der Gegenwart, wenn dein Gehirn sich mit nichts anderem beschäftigt als der anstehenden Aufgabe.
Das ist gemeint, wenn Sportler oder Sportwissenschaftliche von der „Zone“ oder dem „Flow“ sprechen.
Die Schwierigkeit besteht darin, Mushin zu finden. Manche Leute gelangen ganz allein dorthin, andere brauchen einen besonderen Stimulus (optimalen Stress), um Mushin zu erreichen.
Ein Weg zu Mushin führt über Meditation.
An nichts denken...ohne daran zu denken, an nichts zu denken.

„Leere deinen Geist. Sei formlos, gestaltlos, wie Wasser.“
– Bruce Lee (1940-1973)

#3: Fudoshin – Unerschütterlicher Geist
Wenn ich einen Karottenkuchen sehe, esse ich ihn. Nichts kann sich mir in den Weg stellen. Dieser unerschütterliche Entschluss ist Fudoshin.
Auf Japanisch bedeutet das „unerschütterlicher Geist“.
Einfach gesagt: Nichts kann von außen Einfluss auf deinen Geist nehmen.
So wie in einer uneinnehmbare Festung oder im Auge eines Sturms.
Fudoshin ist besonders wichtig, wenn der Einsatz hoch ist – wenn du kämpfst, bei einer Meisterschaft oder Prüfung. Da ist kein Raum für Zweifel oder Zögern, die sich in deinen Geist schleichen könnten, da sie eine Negativspirale in Gang setzen und du die Kontrolle verlieren würdest.
Ich persönlich nutze
Fudoshin für meine Zielsetzung.
Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe, lasse nicht zu, dass irgendetwas meinen Glauben daran, dass ich es erreichen werde, erschüttern kann.
Sei fest und unverbrüchlich.

„Nur wer sein Ziel kennt, findet den Weg.”
 – Laotse

#4: Zanshin – der verharrende Geist
Zum Schluss noch ein Klassiker.
Zanshin bedeutet auf Japanisch „verharrender Geist“.
Hierbei handelt es sich tatsächlich auch um eines der Wertungskriteriem im
Kumite-Wettkampf.
Nach deinem Angriff muss die Aufmerksamkeit auf den Gegner fokussiert bleiben – auch wenn deine Technik
bereits gepunktet hat. Wenn du herumhüpfst wie ein Hundewelpe oder deine Wertung feierst, gilt sie nicht.
Warum?
Weil: „Es ist erst vorbei, wenn es vorbei ist.“
Zanshin heißt, dein Fokus verweilt, um sicher zu gehen, dass alle potentiellen Gefahren neutralisiert sind.
Dies ist natürlich auch besonders wichtig für die Selbstverteidigung.
Gelassene Wachsamkeit.

“Sei immer bereit, damit du dich nicht erst bereit machen musst.“
– Conor McGregor

Das war‘s! Diese vier Geisteshaltungen sind wichtig im Karate. Welche gefällt dir am besten?

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Über den Autor:karatebyjesse logo

KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!


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