Kreativität im Karate & warum sie so wichtig ist

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jesse enkamp
Über den Autor:
KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff.Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Mitglied der Kata-Nationalmannschaft und Inhaber eines eigenen Dojos, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren und Lehrgängen im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. Bisher waren seine Beiträge nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Dies ändert sich nun: Mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen ausgewählte Artikel in deutscher Übersetzung beim KDNW. Als Diplom-Übersetzerin ist es mir eine besondere Freude, Jesse Enkamp für diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation gewonnen zu haben.

Kreativität.
Ein großes Wort.
Macht es dir Angst...
...oder reizt es dich?
Gleich, welche Gefühle das Wort „Kreativität“ in dir auslöst, fest steht:
Es gibt wenig, das uns so tief mit dem Wesen der menschlichen Natur verbindet wie das „Anzapfen“ unseres kreativen Selbst.
Kreativität ist Glück.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich in meinem idealen „Flow“-Zustand – ob ich nun eine Kata ausführe, mit einem realen Gegner kämpfe oder einen Artikel schreibe – mitunter Zeit, Raum und Logik vollkommen vergesse.
So als würde man in ein Paralleluniversum vorstoßen.
Ach, die Bedeutung dieser Erfahrung war den großen Männern der Geschichte schon immer bekannt:

„Kreativität ist wichtiger als Wissen, denn Wissen ist begrenzt. Kreativität aber umfasst die ganze Welt.“
– Albert Einstein

„Kunst erfordert Kreativität. Kreativität erfordert Erfahrung. Erfahrung stammt aus dem Leben. Und dein Leben kommt in deiner Kunst zum Ausdruck.“
– Bruce Lee

„Es gibt keinen Zweifel daran, dass Kreativität die bedeutendste menschliche Ressource ist. Ohne Kreativität gäbe es keinen Fortschritt, und wir würden immer wieder nur die gleichen Muster wiederholen.“
– Edward de Bono

Diese Liste ließe sich fortsetzen.
„Okay“, denkst du.
„Das ist cool, Jesse-san. Aber ich bin weder Einstein noch Lee. Ich bin kein Künstler, Maler oder Musiker. Ich brauche keine Kreativität und selbst wenn ich sie bräuchte, könnteich sie nicht auf Knopfdruck herbeizaubern.“
Wow.
Also lass es mich dir erklären:
1. Du musst keinen kreativen Beruf haben, um dir die Macht des kreativen Denkens zu Nutzen zu machen. Was gibt es heute zum Abendessen? Was ziehe ich an? Wie bringe ich meine Kinder dazu, ihre Hausaufgaben zu machen? Was sage ich meinem Chef, wenn ich zu spät zur Arbeit komme? All dies erfordert Kreativität.
2. Du bist schon ein Künstler (ein Kampf-Künstler).
Vergiss das nicht. Erkenne das an. Der menschliche Körper ist dein kreatives Werkzeug. Der Kampf ist deine Leinwand. Kreiere etwas!


3. Warum du dich oft „unkreativ“ fühlst, ist leicht erklärt: Du lässt deine Kreativitätsmuskeln (die spezifischen Nervenbahnen des kreativen Denkens)  nicht genug spielen.
Das ist schon alles.
Also zeige ich dir heute zwei einmalige Übungen, die ich kreiert habe, um deine Kreativität im Karate zu verbessern.
Eine für Kata und die andere für Kumite.
Aber vorher..
Für manche Leute mag das wie ein Paradoxon klingen.
„Wie kann man im Karate kreativ sein, wenn doch alles vorgegeben und festgelegt ist?“
Der Punkt ist:
Die meisten von uns haben nicht gelernt, wie man Kreativität im Karate richtig anwendet.
Es existiert eine natürliche Ordnung von Lernfortschritten im Karate – und es ist nicht sinnvoll, kreative Sprünge zum falschen Zeitpunkt zu versuchen (das könnte sogar abträglich sein).
Im Japanischen kennt man dieses Konzept als „Shu-Ha-Ri“.
Zuerst musst du die Regeln befolgen (Shu), sie dann brechen (Ha), bevor du schließlich die Fähigkeit hast, selbst Regeln zu kreieren (Ri).
Das ist der Lebenszyklus der Karate-Meisterschaft.
Du solltest dich schrittweise von den „Waza“ (Techniken) zu den „Ri“ (Prinzipien) vorarbeiten.
Warum?
Weil, entgegen der Mc-Dojo™-Mentalität, wahre Kreativität nicht darin besteht, eine Unmenge von Techniken (Waza) abzufeuern. Das ist bloßes Auswendiglernen und Wiederholen. Wie ein Papagei.
Wahre Kreativität bedeutet, die Prinzipien (Ri) zu verstehen und anzuwenden; die zu Grunde liegenden Mechanismen, die das Wann, Wo und Wie deines technischen Ausdrucks steuern.
Einleuchtend, oder?
Techniken sind begrenzt und lokal.
Prinzipien sind unendlich und universal.
Aber: Die einen können nicht ohne die anderen existieren.
Und sie müssen in der richtigen Reihenfolge erlernt werden.
An dem Tag, als ich persönlich das verstanden habe, hat sich meine ganze Wahrnehmung des Karate verändert – und ich konnte nun das scheinbar Zusammenhanglose auf neuen und kreativen Wegen miteinander verbinden.
Also...
Behalten wir das im Hinterkopf und schauen uns die beiden Übungen an, die deinen „Kreativitätsmuskel“ im Karate aufpumpen. Die erste mittels Kata, die zweite mittels Kumite.
Aufgepasst:
1. Kata-Kreativitäts-Challenge
Diese Übung ist ein Wettkampf. Nimm dir einfach einen Partner und fordere ihn/sie zu einem „Kata Battle“ heraus.
Diese unglaubliche Übung verbessert nicht nur deine Fähigkeit zum kreativen Denken, sondern auch deine motorische Intelligenz und dein Gedächtnis.
Hier ist das Konzept:
1. Person A macht eine freie Beweung aus Yoi (z.B. Gyaku-Zuki).
2. Person B macht die gleiche Bewegung und fügt dann eine weitere hinzu (z.B. Gyaku-Zuki, Mae-Geri).
3. Person A wiederholt die Sequenz und fügt dann noch eine Bewegung hinzu (z.B. Gyaku-Zuki, Mae-Geri, Uchi-Uke).
4. Person B wiederholt alle Bewegungen und fügt eine weitere hinzu (z.B. Gyaku-Zuki, Mae-Geri, Uchi-Uke, Tobi-Geri).
5. Und immer so weiter, bis einer von beiden a) eine Bewegung vergisst oder b) einen Fehler macht.
Die Idee ist, dass ihr gemeinsam Schritt für Schritt eine Kata entwerft – indem ihr immer weiter die jeweils nächste Bewegung hinzufügt, während ihr die bisherigen Bewegungen im Gedächtnis behaltet.
Wieviele Schritte schafft ihr, bevor jemand verliert? 5? 10? 25?
Probiert es aus.
Das Ergebnis sieht sehr unterschiedlich aus, je nachdem, wieviel Erfahrung und Fähigkeiten ihr bereits habt.
Zusätzliche Regeln sind sehr empfehlenswert, z.B. „Du darfst eine vorangegangene Bewegung nicht wiederholen.“ oder „Eine Bewegung darf man nicht öfter als zwei Mal machen.“ oder „Jede Bewegung in einem anderen Stand“ etc.
Je mehr Regeln es gibt, desto kreativer müsst ihr werden.
Viele denken, dass Regeln und Bestimmungen Kreativität „einschränken“. Aber das ist falsch.
Großer Kreativität wohnt ein anarchisches Element inne.
Regeln regen die Kreativität an!

“Kunst lebt von Zwängen und stirbt an der Freiheit.“
– Leonardo da Vinci


2. Kumite-Kreativitäts-Challenge
Jetzt zum Kumite.
Da brauchst du natürlich auch einen Partner.
Die Idee ist einfach und ähnelt dem Kata-Wettkampf:
1. Person A greift Person B mit einem freien Angriff an.
2. Person B reagiert mit einem freien Block und Konter.
3. Person B greift dann Person A an.
4. Person A macht einen freien Block und Konter.
5. Und immer so weiter, immer abwechselnd bis eine/r a) durcheinander kommt oder b) sich wiederholt.
Verstanden?
Für diese Übung ist es am sichersten, wenn man am Anfang immer den gleichen Angriff macht (aber die Reaktionen variiert) und langsam beginnt.
Dann kann man verschiedene Angriffe mischen und das Tempo verändern.
Eine schwierigere Variante besteht darin, immer den gleichen Block zu machen und stattdessen die Angriffe ständig zu verändern.
Diese Übung fördert die kämpferischen Fähigkeiten in hohem Maße –  einschließlich der mentalen Fähigkeiten: Kreativität, Wahrnehmung, innere Stärke und Intuition.
Ich empfehe, erst die Kata-Challenge zu machen, bevor ihr euch an die Kumite-Challenge wagt, besonders, wenn ihr sie mit eurer Trainingsgruppe ausprobiert.

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Der Text wurde abgedruckt in der Karate Aktuell 1/2015.

Die KARATEbyJesse-Reihe wird fortgesetzt...


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