KARATEbyJesse: 51 ungewöhnliche Arten, Kata zu trainieren (Teil 2)

KataMagst du Kumite? Du Glücklicher! Online findest du blitzschnell tausend verschiedene Vorschläge für dein Training. Aber wie schaut es mit Kata aus? Was ist mit den Millionen Karateka weltweit, die Tipps fürs Kata-Training suchen? Nichts. Selbst lange verzweifelt auf der Suche, entschied ich mich, die Sache in die Hand zu nehmen. Hier kommen meine 51 Lieblingsübungen fürs Kata-Training (Teil 2) – ganz unabhängig von der Stilrichtung. Denn in Kata steckt so viel mehr als man auf den ersten Blick sieht. Los geht‘s!

27. Mach die Kata so als ob du „wütend“ wärest. Schließlich wirst du in dein limbisches System (Echsenhirn) eintauchen und wirklich wütend werden. Und dann geht‘s los. Vielleicht weinst du. Das ist okay. Muss ja niemand sehen. Es geht nur darum, deine Gefühle zu wecken, sie in der Kata zu kanalisieren, vielleicht in den Flow zu kommen. Mit etwas Übung kannst du den Schalter dann von jetzt auf gleich umlegen.

28. Mach die Kata auf Eis. Wenn es hart auf hart kommt, ist die Balance das Wichtigste für deinen Körper. Und wenn du auf Eis balancieren kannst, kannst du alles vollbringen, Bro!

29. Mach die Kata auf den Schultern eines Freundes. Er/Sie übernimmt die Aufgaben des Unterkörpers (Schritte, Stände und Fußtechniken), du die Armbewegungen (Schläge, Blocks, Stöße, Gruß etc.). Versucht, euch zu synchronisieren. Dann tauscht die Rollen. Beide Positionen bieten eine anspruchsvolle Herausforderung.

30. Übe Kihon. In jeder Kata gibt es eine Handvoll ganz gewöhnlicher Techniken. Indem du dieses Basistechniken (auch „Kihon Waza“ genannt) übst, verbesserst du gleichzeitig jede Kata, die du kennst. Ein Kinderspiel!

31. Mach die Kata vor Publikum. Eine Kata vor Publikum zu zeigen, geht mit einem gewissen Druck einher. Dieser Stress bzw. das Lampenfieber wirkt auf deinen Körper wie eine tatsächliche physische Gefahrensituation (der Cortisol-Level steigt, deine Hände schwitzen, der Muskeltonus nimmt zu, Adrenalin wird freigesetzt usw.).

32. Filme deine Kata. Weil ein Spiegel nicht alles zeigt. Und dein Sensei ist vielleicht wiederholungsblind. Filme aus verschiedenen Winkeln!

33. Mach deine Kata zu Musik. Nicht, weil du auf Justin Bieber stehst, sondern weil bestimmte Rhythmen ein Urfeuer in unserem Gehirn entflammen können, das mit dem Instinkt zu tun hat. Versuch‘s mit schweren Bässen. Versuch‘s mit Taiko. Was immer für dich funktioniert und dich in Fahrt bringt, ist gut!

34. Schau jemand anderem bei seiner Kata zu. Entweder live oder auf Video. Am besten jemandem, der besser ist als du. Forschungen haben ergeben, dass die Spiegelneuronen im Gehirn dabei so reagieren, als würdest du die Kata selbst machen. Und das Beste daran: Du musst nicht mal deinen Gi danach waschen! (Aber leider wirst du auch den Erdbeer-Schoko-Protein-Shake nach dem Training nicht brauchen....).

35. Mach die Kata mit einem Schnorchel (oder einer Höhentrainingsmaske). Nicht grundlos gehen so viele Olympiasieger zum Training nach Afrika. Dort gibt es viele Berge. Und die Höhe erschwert das Atmen. Wenn das Atmen schwieriger wird, muss sich der Körper mehr anstrengen. Nach und nach steigen so die maximale Sauerstoffaufnahme, Lungenkapazität und Ermüdungswiderstandsfähigkeit (von der mentalen Stärke ganz zu schweigen). Das ist großartig! Erfolgreiche MMA-Kämpfer trainieren so.

36. Mache Explosivkrafttraining mit schweren Gewichten und danach die Kata. Explosivkrafttraining (85% Wiederholungsmaximum >) bringt deine FTMuskelfasern zum Glühen, was du ausnutzen solltest, indem du unmittelbar danach Kata trainierst. In der Sportwissenschaft nennt man so was „komplexes Training“ und verwendet es meist für plyometrische Schnellkraftübungen.

37. Lass dich umzingeln. Beliebige Angriffe. Du darfst dich nur mit Techniken aus der Kata verteidigen. Aber halte es einfach! Grundtechniken: Schläge, Tritte und Blocks. Ein paar Griffe. Fang langsam an und erhöhe dann Kraft und Geschwindigkeit. Schutzausrüstung ist erlaubt. 38. Mach die Kata mit einem Partner, der dich testet, indem er alle Faust- und Fußtechniken blockt und passende Angriffe zu deinen Blocktechniken macht. Das ist eine dynamische Form von „Kote Kitae“ (Konditionierung) und funktioniert auch erstaunlich gut mit Kindern.

39. Mach die Kata mit halber Geschwindigkeit. Schnappe jede Technik leicht. Das ist die beste Methode, um sich aufzuwärmen, weil so das zentrale Nervensystem für eine höhere Geschwindigkeit und mehr Kraft vorbereitet wird, ohne eine Verletzung zu riskieren. Achte dabei auf korrekte Technik, Fokus und Kime – genau wie bei voller Geschwindigkeit.

40. Mach die Kata mit extra-großen Bewegungen. Sobald es ernst wird, tendieren wir dazu, zu verspannen und unser Bewegungsausmaß zu verkleinern. Übe mit extra-großen Bewegungen, um dem vorzubeugen. Wir haben das immer mit dem japanischen Frauen-Nationalteam gemacht, als ich auf Okinawa gelebt habe. Achte darauf, deine Ellbogen eng zu führen und die Schultern tief zu halten.

41. Mach die Kata ohne Spiegel. Denn manchmal verlieren wir uns ein bisschen  zu sehr in unserem attraktiven Spiegelbild. (Oder geht das nur mir so?)

42. Mach die Kata mit einem am Boden fixierten Bein. Du kannst nur das andere (freie) Bein umherbewegen. Trotzdem musst du alle Stände, Richtungen und Techniken korrekt ausführen. Verstanden? Tolle Übung, wenn das Dojo voll ist.

43. Dreh dich mehrmals sehr schnell im Kreis und mach die Kata dann, während dir noch schwindelig ist. Das ist weniger schmerzhaft als wenn dich jemand schlägt, bis du Sternchen siehst, aber es hat den gleichen Effekt. Kinder lieben diese Übung.

44. Mach die Kata ohne Gi-Jacke. Lass einen Freund jede Bewegung auf die korrekte Atmung, Muskelspannung und Gelenkstellung hin überprüfen. Das nennt man auch „Shime“; im Goju-Ryu macht man das mit der Kata Sanchin und im Shorin-Ryu mit der Kata Naihanchi. Aber prinzipiell kann man das auf alle Kata anwenden. Dein Freund kann dich schieben, ziehen, tätscheln oder sogar schlagen.

45. Mach die Kata und ein Freund zählt (oder klatscht). Das Wichtigste hierbei ist, nicht an die nächste Bewegung zu denken. Gehe voll in jeder einzelnen Technik auf. Entspann dich einfach und dann – „Bam!“ –, explodiere, sobald du das Kommando hörst. Den Rhythmus kann man variieren.

46. Mach die Kata unter extremen Wetterbedingungen. Hitze, Kälte, Regen, Hagel, Graupelschauer oder Schnee. Damit stellst du nicht nur deinen Geist auf die Probe, sondern das kann wirklich als mentaler Anker für dein restliches Leben dienen. So war es bei Lucio Maurino, Europa- und Weltmeister im Kata-Team, als sein Mentor ihn anwies, die Kata Sochin im  Mondschein auf den schneebedeckten Bergen Italiens zu machen.

47. Mach die Kata bergauf/bergab. Das wird deinen Gleichgewichtssinn total aus der Bahn werfen, weil einige Bewegungen auf einmal viel schwieriger und langsamer werden (bergauf), während andere einfacher und schneller (bergab) sind. Dein Ziel muss es sein, die Kata genauso auszuführen wie ebenerdig.

48. Mach die Kata, während ein Freund mit Gesten und Spott versucht, deinen Fokus zu stören. Dein Freund darf alles machen (verbal und visuell), aber er darf dich nicht anfassen oder deine Bewegungen behindern. Wenn du lachst, lächelst oder deinen Fokus verlierst, bist du gescheitert.

49. Mach die Kata mit einem Hardcover-Buch auf dem Kopf. Entscheidend ist hier, die Mitte zu wahren. Versuche dann, immer schneller und stärker zu werden.

50. Mach die Kata auf einem Balance Board oder Swiss Ball (oder auf einem Bein). Ähnlich wie Kata auf Eis, außer dass dein Unterbau jetzt immobilisiert ist (du kannst die Stände nicht wechseln oder dich umherbewegen): Du befindest dich in einem andauernden Kampf um die Balance.

51. Und zu guter Letzt: Mach einfach die ganze verdammte Kata als ob dein Leben davon abhinge. Nicht lang nachdenken. Nicht zurückschauen. Kein Rückzug. Keine Aufgabe. Mach keine Gefangenen. Wenn am Ende dein Gi nicht völlig durcheinander ist und dein Gürtel neben Schweiß und Erbrochenem am Boden liegt, dann hast du nicht alles
gegeben. Nochmal neu! Konzentrier dich!

Text: Jesse Enkamp, aus dem Englischen übersetzt von Eva Mona Altmann

Zu Teil 1...

 

Über den Autor:karatebyjesse logo

KARATEbyJesse ist vielen Karateka ein Begriff. Dahinter verbirgt sich der Schwede Jesse Enkamp, Kata-Wettkampfathlet und Inhaber eines eigenen Dojos und einer eigenen Karate-Gi-Marke, der sich mit interessanten und gut recherchierten Artikeln zum Karate und angrenzenden Themenbereichen sowie mit ansprechenden Videos von Turnieren, Lehrgängen und Reisen sowie Trainingstutorials im Internet einen Namen gemacht hat. Neben der Webseite www.KARATEbyJesse.com betreibt er auch einen YouTube-Kanal und ist bei facebook, twitter & Co. vertreten. In der Vergangenheit waren seine Texte nur mit genügend Englischkenntnisse zugänglich.  Aber mit freundlicher Genehmigung des Autors erscheinen seit Mitte 2014 ausgewählte Artikel in der deutschen Übersetzung von Eva Mona Altmann (Dipl.-Übers.) beim KDNW. Wir freuen uns sehr über diese grenz- und sprachübergreifende Kooperation mit Jesse Enkamp!

 


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